Die Zukunft fängt mit der Erinnerung an …

Menschen erinnern sich gerne, weil sie sich bestimmen wollen. Und sie lassen ihre Gegenwart und Zukunft durch die Erinnerung einfach beeinflussen. In der Vergangenheit kündigen sich die Lebensumwälzungen oft an, lange bevor sie die Gegenwart erreichen. Über den Alltag ist viel bekannt. Über die Gesellschaft und die Politik – ebenso.

Aber wie sieht es bei der „kleinen“ Geschichte aus?

Hinter einer Geschichte steckt also ein Mensch mit einer Vergangenheit, einer Gegenwart und einer Zukunft. Das Ziel, das hinter diesem Buch steckt, ist die Dynamik der Erinnerung in der Zukunft aufzufangen. Als ich vor vielen Jahren mit dem Geschichtensammeln bzw. aufzuschreiben angefangen habe, ich dürfte alles aufzeichnen, was ich wollte, da war ich zunächst von dem anvertrauten Erlebten manchmal richtig benommen.Es gab alles dabei: Freude, Enttäuschung, Unmut, Enthusiasmus, Zuversicht, Misstrauen, Gewinner und Verlierer … Und immer eine persönliche Geschichte!

Herzlichen Dank an allen Deutschen und Bulgaren, die mir ihre Erinnerungen, einfache alltägliche Ängste, persönliche Kämpfe – gewonnenen und gleichermaßen verlorenen, anvertraut haben. Als Ethnologin weiß ich zu unterscheiden zwischen einer ehrlichen „Ist-Aussage“ und einer aufgesetzten „Soll-Aussage“, die in unserer sozialistischen Vergangenheit keine Seltenheit war. Ich hatte fast immer das Gefühl, ein liebevolles Feedback (neudeutsch und neubulgarisch) der Erkenntnis im Gespräch zu bekommen, das ich nur aufnehmen musste, und schon waren das Erlebte und das Bestrebte da. Sortiert und ausformuliert, versteht sich. Und wie es so ist, wenn die Menschen ohne Hemmungen ihr Leben Revue passieren lassen dürfen: Ich hatte über 2000 Seiten Gesprächsnotizen mit dem Thema „Reisefreiheit/Bulgarien, DDR-Alltag, Wende – Gewinner/Verlierer“ usw., aber ich hätte ohne weiteres auch 4000 aufschreiben können. So war es auch bei anderen Themen – ein großer Teil der Aufzeichnungen konnte dann doch nicht berücksichtigt werden, weil sie mit dem Thema „Ankommen“ im weitesten Sinne zu tun haben. Herausgekommen ist eine Zusammenstellung des Alltags, die ich nur als kurze Geschichten präsentieren konnte. Natürlich habe ich in Gebieten des eigenen Ankommens und der eigenen Erinnerung gedacht, aber ich habe das Leben nicht streng nach Vorschrift „abgearbeitet“ – heute folgt auf gestern und umgekehrt. Die Geschichten sind stark subjektiv geprägt. Wenn der Leser mich fragen soll, warum ist dieses Thema drin und das andere nicht, dann kann ich nur wieder subjektiv antworten: Weil ich die Geschichten, die ich selbst miterlebt habe, nachvollzierbar fand. Oder weil ich zu den anderen Themen noch nicht gekommen bin. Vielleicht in einem anderen Buch wird der Fall sein.

Trotz aller Subjektivität ist ein Buch geworden, das nicht nur unterhaltsam ist, sondern eine authentische Annäherung an Bulgaren und an Deutschen, gestern und heute. Richtige Historiker werden die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sich überlegen, was sie mit einer solchen erlebten Geschichte nicht alles hätten erforschen können – aber ich hatte nun mal die einmalige Chance mich in zwei Kulturen frei bewegen zu dürfen. Und wer die einmal hat, der lässt sie so leicht nicht mehr los. Das Ankommen und das Gehen ebenso.

Ankommen ohne Vorwort

Fast dreißig Jahre ist es her, dass wir nach Thüringen, also damals Gera, Bezirkshauptstadt in der DDR, kamen. Gera schien uns damals eine „typisch deutsche“ Stadt in der demokratischen Republik zu sein. Heute wird sie eher als ein „typisches Nest“ der facettenreichen Erinnerungskultur im Osten gesehen und empfunden. Warum, wieso, weshalb? Darüber wird noch öfters zu sprechen sein.

Als frischer Ankömmling stellt man sofort fest, dass die Stadt eine große Vergangenheit hat und dass sie es von jeher vermochte, nicht ohne Grund, Bürger und Heimatforscher in ihren Bann zu ziehen. Eine aussagekräftige Bestätigung dafür findet man in Grundlektüren, jede als „Geschichte der Stadt Gera …“ bekannt, verfasst von ehrwürdigen Bürger der Stadt wie Ernst Paul Kretschmer, Stadtarchivar, Ferdinand Hahn, Robert Fischer usw. in mehreren Ausgaben verlegt. Sie waren und bleiben Geschichts-, Sprach- und Pflichtgrundlage jedes Kennenlernens zweier Kulturen, die in ihrem Erscheinungsbild unterschiedlicher nicht sein können. Vorsicht: Es gehört zur menschlichen Mentalität beim längeren Kontakt mit fremder Kultur bewusst oder unbewusst Vergleiche anzustellen um das Leben, die Kulturgeschichte und den Alltag der Bevölkerung zu beurteilen und zu kategorisieren, kurz gesagt in eine Schublade nach seiner eigenen Einsichten zu stecken.

In jedem Falle ist Gera eine Stadt in der es sich ruhig, irgendwie beschaulich leben lässt, wo man sich ziemlich sicher fühlen kann. Dazu tragen die Bewohner der Stadt, freundlich, skeptisch, manchmal wortkarg, zurückhaltend und Fremden gegenüber misstrauisch, ganz wesentlich bei. So natürlich, mühelos und ohne unnützes Firlefanz wurde die Imagefrage kurz und schmerzlos, geklärt.

Thüringen als Land in der Besatzungszone der Sowjets, nach der territorialen Reform 1952, existierte als Begriff, wie Dederon-Beutel und Schürze aus gleichem Stoff, nur in dem Sprachgebrauch. Er war in der Erinnerung an der Zeit vor 1945 nachweisbar und selbstverständlich in der Bezeichnung der einzigartigen Küche.

„Thüringen ist eine sehr gute Wahl“ meinten meine Kolleginnen. Sie waren damals mit Leib und Seele zuerst Thüringerinnen, was Kochen und Backen betrifft, dann fleißige DDR-Bürgerinnen. Während die Angehörigen anderer ethnischen Gruppen bei solchen Behauptungen zuerst die Vorzüge und die Nachteile ihres ethnischen Daseins abwägen würden, argumentierten sie, ohne eine Sekunde nachdenken zu müssen, mit weltbekannten regionalen Identitätsmerkmalen:

· in Thüringen werden am Wochenende immer zwei Sorten Kuchen gebacken.

· Thüringer Wurst schmeckt am besten

· Thüringer Rostbratwurst ist der Gipfel des Wurstgedankens

· Thüringer Klöße mit Sonntagsbraten und kein Kommentar

· Fazit: Am besten speist man in Thüringen

Andere Länder, andere Sitten und andere kulinarische Highlights. Das Letzte, aber für ihre gastronomische Großereignisse, wie „Baniza“, „Weinblattrouladen“, „Mussaka“, „Schopska Salata“ u. ä. behaupten übrigens die Bulgaren auch. Sogar, Felix Kanitz, der große österreichische Ethnologe, bestätigte, dass „Baniza“, ein Gebäck aus Teigblätter, Käse, Joghurt, Butter und Eier, „vorzüglich und wohltuend schmeckt“.

Die bulgarische Küche, in einer verwirrend adaptierten Form, war fast in jeder Bezirkshauptstadt in der ehemaligen DDR vertreten. Es gab „bulgarische“ Gaststätten in den Partnerstädten in der DDR und deutsche Restaurants in Bulgarien, auch auf partnerstädtischer Basis, versteht sich. Varna war und ist noch Partnerstadt von Rostock. Die Gaststätte namens „Rostock“ in der Stadt war für die Vertiefung des kulinarischen Kennenlernens gut zu gebrauchen, in der glaubte man „deutsche“ Gerichte bestellen zu dürfen. Sie waren selbstverständlich nicht ganz original, wie es wir später feststellen müssten. Wahrscheinlich sollten die Originalkochrezepte laut Marketingkonzept eine gewisse „Bulgarisierung“ über sich ergehen lassen. Der Koch und das Personal waren Austauschkollektive aus der DDR, bzw. aus der Partnerstadt. Die Gaststätte „Sliven“ in Gera, wie der Name verrät, Partnerstadt von Sliven, war bis Mitte der 90er Jahren eine gute Adresse in der Stadt, wo man sich bulgarische Küche schmecken lassen dürfte. In Varna glaubten wir, in „Rostock“ den wahren Geschmack Deutschlands genießen würden und später in Gera – bulgarische Gerichte in „Sliven“ nostalgisch essen könnten. Weder noch. Die Küche, wie das Leben, wurde dem „kollektiven“ Geschmack, Teil der entwickelten sozialistischen Persönlichkeit, angepasst. Die nationale Identität und die traditionelle Mentalität hatten keine Chance, wurden verbannt und wenig gewünscht. Aber nichtsdestotrotz die national-international-kollektive Symbiose funktionierte hervorragend. So näherten wir uns an die deutsche Kultur in der Variante „Sozialismus“ und zwar auf allen Ebenen.

Es war also keinen großen Sprung aus Bulgarien nach DDR zu übersiedeln. Zugegeben, Thüringen hat uns gefunden nicht wir Thüringen. Aber das ist eine andere lange und vielleicht langweilige Geschichte, die mit sehr viel Unmut, Enttäuschungen und lustigen Ereignissen zu tun hat. Außerdem war die DDR nicht gerade das Traumziel sozialistischer Künstler, da weder „Westgeld“ noch Attraktivität und Abenteuergefühl vorhanden waren. Aber auch wenn ich nicht in Berlin, Dresden oder Leipzig gelandet war, war es für mich, als frischgebackene Philologin und Kulturwissenschaftlerin, eine richtige Herausforderung die traditionelle, noch vorhandene, unverwüstliche deutsche Identität und die Alltagskultur des sozialistischen deutschen Staates von „innen“ kennenzulernen und erleben. Über die Vergangenheit spricht es sich leichter als über die Gegenwart, genauso über das Fremde als über das Eigene.

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